Brennnesselsamen – der kleine Schatz am Ende des Sommers
Große Brennnessel – Urtica dioica L.
Manche Pflanzen muss man erst einmal mit anderen Augen betrachten.
Die Brennnessel gehört vermutlich zu den Pflanzen, an denen wir beim Spaziergang am liebsten vorbeigehen. Sie brennt, wächst üppig und wird vielerorts als lästiges „Unkraut“ betrachtet.
Dabei ist die Große Brennnessel eine bemerkenswerte heimische Pflanze. Und im September zeigt sie eine ganz besondere Seite:
An den weiblichen Pflanzen hängen jetzt die kleinen Brennnesselsamen.
Sie sind winzig – und trotzdem steckt in ihnen einiges.
Für unsere Tiere können sie eine interessante Ergänzung des Futters sein. Und für uns Sammler sind sie ein wunderbares Beispiel dafür, dass man nicht immer exotische Pflanzen suchen muss.
Viel Wertvolles wächst direkt vor unserer Haustür.
Die Große Brennnessel erkennen
Die Große Brennnessel (Urtica dioica) ist eine ausdauernde Pflanze und in unserer Region weit verbreitet.
Sie bevorzugt frische, nährstoff- und stickstoffreiche Böden und wird häufig bis zu zwei Meter hoch. Typisch sind die gegenständig angeordneten, eiförmig zugespitzten Blätter mit gesägtem Rand und natürlich die Brennhaare.
Für unsere September-Ernte ist ein anderes Merkmal besonders wichtig:
Die weiblichen Pflanzen tragen die Samenstände.
Die männlichen Blütenstände stehen eher aufrecht, während die weiblichen Blüten- beziehungsweise Fruchtstände nach unten hängen.
Wenn die Samenstände im Spätsommer zunehmend dunkler werden und die kleinen Früchte reifen, beginnt unsere Sammelzeit.
In Deutschland kommt neben der Großen Brennnessel auch die Kleine Brennnessel (Urtica urens) vor.
Bitte nur sammeln, wenn die Pflanze sicher bestimmt wurde.
Wo finde ich Brennnesseln in Berlin und Brandenburg?
Die Brennnessel ist in Berlin und Brandenburg keine seltene Pflanze. Sie ist typisch für nährstoffreiche Standorte und kann beispielsweise an Waldrändern, auf nährstoffreichen Brachflächen, an Hecken oder in Hochstaudenfluren vorkommen.
Auch Brandenburgs Landschaftsmanagement-Unterlagen nennen Urtica dioica regelmäßig als charakteristische Art nährstoffreicher Standorte.
Allerdings gilt beim Sammeln:
Nicht jeder schöne Brennnesselbestand ist automatisch ein guter Sammelplatz.
Für Tiere würde ich nur Pflanzen von Standorten verwenden, bei denen die Vorgeschichte möglichst bekannt ist.
Nicht sammeln an:
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stark befahrenen Straßen
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Hundewiesen
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intensiv gedüngten Flächen
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Flächen mit möglicher Pflanzenschutzmittelbelastung
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Industrie- und Gewerbeflächen
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frisch mit Gülle gedüngten Wiesen
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Stellen mit sichtbaren Verunreinigungen
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Flächen, auf denen das Betreten oder Sammeln verboten ist
Und natürlich sollte man niemals aus einem Naturschutzgebiet oder einem anderen Schutzgebiet sammeln, ohne vorher zu prüfen, welche Regeln dort gelten.
Was sammeln wir im September?
Im September interessieren uns die reifen Früchte beziehungsweise „Samen“ der weiblichen Brennnessel.
Botanisch handelt es sich dabei um kleine einsamige Nüsschen. Die reifen Früchte sind etwa 1–1,5 mm lang und können gelblich bis braun erscheinen.
Je nach Standort und Witterung kann sich die Reifezeit etwas verschieben. Deshalb würde ich mich beim Sammeln nicht ausschließlich am Kalender orientieren, sondern am Reifezustand der Pflanze.
Der beste Zeitpunkt:
Wenn die Samenstände gut entwickelt und die Samen bereits reif, aber noch nicht weitgehend ausgefallen sind.
Für die Ernte braucht es eigentlich nicht viel:
-
feste Gartenhandschuhe• eine Schere
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einen luftigen Korb oder eine Papiertüte
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später ein sauberes Tuch oder Backpapier
Schneide die reifen Samenstände vorsichtig ab. Dabei müssen wir nicht die ganze Pflanze mitnehmen. Im Gegenteil:
Wir ernten immer nur einen Teil des Bestandes.
Die Brennnessel ist außerdem ökologisch ausgesprochen wertvoll. Sie dient unter anderem zahlreichen Schmetterlingsraupen als Nahrungspflanze.
Deshalb sollte ein schöner Bestand niemals komplett abgeerntet werden.
Vorsicht: Auch die Samenstände können brennen
Die Brennnessel besitzt Brennhaare, die bei Berührung Haut und Schleimhäute reizen können. Auch für Tiere ist die frische Pflanze deshalb etwas anderes als getrocknetes Pflanzenmaterial.
Bei Hunden und Pferden können nach Aufnahme frischer Brennnesseln beispielsweise Reizungen im Maul auftreten.
Während der Trocknung fallen die Brennhaare mit der Zeit ab. Für unseren Vorrat werden die Samen deshalb getrocknet.
Brennnesselsamen richtig trocknen
Die schonendste Methode ist die einfache Lufttrocknung.
Die frisch gesammelten Samenstände locker auf einem sauberen Tuch, Papier oder einem großen Tablett ausbreiten.
Der Platz sollte: trocken, warm, gut belüftet und vor direkter Sonne geschützt sein.
Die Samenstände regelmäßig wenden beziehungsweise auflockern.
Je nach Feuchtigkeit dauert die Trocknung mehrere Tage.
Wichtig: Erst einlagern, wenn wirklich alles vollständig trocken ist.
Feuchtigkeit im Vorratsglas kann sonst zu Schimmel führen.
Nach dem Trocknen können die Samenstände vorsichtig über einer Schüssel abgestreift oder ausgeschüttelt werden.
Anschließend die Samen nochmals nachtrocknen lassen.
So lagerst du deinen September-Vorrat
Für die Lagerung eignen sich beispielsweise: Schraubgläser, gut schließende Vorratsdosen oder Papiertüten für eine kurzfristige Lagerung
Der Lagerplatz sollte trocken, dunkel und möglichst kühl sein.
Das Gefäß sollte mit „Brennnesselsamen – Urtica dioica – Ernte September 2026“ beschriftet werden.
So weiß man auch Monate später noch, was sich darin befindet und wann es gesammelt wurde.
Was steckt in den Brennnesselsamen?
Hier lohnt es sich, zwischen Brennnesselblatt und Brennnesselsamen zu unterscheiden. Denn die verschiedenen Pflanzenteile sind chemisch nicht einfach austauschbar.
Während bei den Blättern unter anderem Mineralstoffe, Flavonoide und verschiedene phenolische Verbindungen eine Rolle spielen, sind die Samen insbesondere wegen ihres Fett- und Tocopherolgehalts interessant.
Untersuchungen und Fachangaben beschreiben unter anderem ein fettes Öl mit einem hohen Anteil an Linolsäure sowie Tocopherole (Vitamin-E-Verbindungen).
Zu den im Zusammenhang mit Brennnesselsamen beschriebenen Inhaltsstoffen gehören außerdem:
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pflanzliche Fette
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Linolsäure
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weitere Fettsäuren
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Tocopherole
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Phytosterole
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Proteine
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sekundäre Pflanzenstoffe
Die genaue Zusammensetzung kann abhängig von Herkunft, Reifegrad und Verarbeitung schwanken.
Linolsäure
Linolsäure gehört zu den mehrfach ungesättigten Fettsäuren und ist eine essentielle Fettsäure. Der Körper kann sie nicht selbst herstellen und muss sie deshalb über die Nahrung aufnehmen.
Sie ist unter anderem Bestandteil von Zellmembranen und spielt eine Rolle im Lipidstoffwechsel.
Tocopherole
Tocopherole gehören zur Vitamin-E-Familie und besitzen antioxidative Eigenschaften. Vitamin E ist unter anderem am Schutz von Zellen vor oxidativem Stress beteiligt.
Phytosterole
Phytosterole sind pflanzliche Sterole, die strukturell dem Cholesterin ähneln. Sie kommen in vielen Pflanzen und pflanzlichen Lebensmitteln vor.
Und was bedeutet das für unsere Tiere?
Wir wissen deutlich mehr über die Inhaltsstoffe der Brennnesselsamen als über eine gezielte therapeutische Wirkung dieser Samen bei unseren Haustieren.
Es gibt zwar experimentelle Tierstudien zu Brennnesselsamen beziehungsweise Samenextrakten, beispielsweise Untersuchungen an Ratten. Daraus lässt sich jedoch keine konkrete therapeutische Empfehlung für Pferd, Hund, Schaf, Ziege oder Katze ableiten.
Genau deshalb möchte ich die Brennnesselsamen auf dieser Website nicht als „Heilmittel“ verkaufen.
Sondern als das, was sie sehr wahrscheinlich am besten sind:
eine interessante heimische Futterpflanze mit wertvollen pflanzlichen Inhaltsstoffen.
Wie kann ich die Brennnesselsamen nutzen?
Am einfachsten ist tatsächlich: Brennnesselsamen als Futter-Topping
Die vollständig getrockneten Samen können in kleinen Mengen unter das Futter gemischt werden.
Man kann sie ganz verwenden oder bei Bedarf leicht zerreiben.
Eine aufwendige Zubereitung ist nicht erforderlich.
Wann sollte man Brennnesselsamen nicht einfach verfüttern?
Vorsicht ist insbesondere angebracht bei kranken Tieren, Tieren mit Nieren- oder Harnwegserkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, bekannten Allergien oder Unverträglichkeiten, trächtigen oder säugenden Tieren, sowie Tieren, die regelmäßig Medikamente erhalten.
In diesen Fällen sollte die Kräuterfütterung mit der behandelnden Tierärztin oder dem behandelnden Tierarzt abgestimmt werden.
Und natürlich gilt:
Bei akuten Beschwerden gehört das Tier zum Tierarzt – nicht in die Kräuterküche.
Nachhaltig sammeln
Eine Pflanze, die so häufig vorkommt wie die Brennnessel, darf trotzdem nicht einfach hemmungslos geerntet werden.
Nach § 39 Bundesnaturschutzgesetz dürfen wildwachsende Pflanzen grundsätzlich in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf und pfleglich gesammelt werden, sofern keine weitergehenden Schutzvorschriften greifen.
Für gewerbsmäßige Entnahme gelten andere Regeln.
Für Brandenburg gibt es zusätzlich landesrechtliche Regelungen. Der Landesbetrieb Forst Brandenburg weist für den Wald ausdrücklich auf die Möglichkeit hin, geringe Mengen wildwachsender Pflanzen für den eigenen Gebrauch mitzunehmen, sofern die Pflanzen nicht besonders geschützt sind; gewerbliche Entnahme ist dort nicht erlaubt.
Meine Sammelregel:
Nie mehr nehmen, als du tatsächlich brauchst.
Und immer einen Teil des Bestandes stehen lassen.
Gerade bei den Brennnesselsamen bedeutet das: Wir sammeln nicht jeden Samenstand eines Bestandes ab.
Schließlich sind die Samen auch Nahrung für Tiere und wichtig für die natürliche Vermehrung der Pflanze.
Mein September-Fazit
Die Brennnessel ist viel mehr als eine Pflanze, die uns beim Spaziergang brennende Finger beschert.
Im September lohnt sich ein genauer Blick auf die weiblichen Pflanzen:
Jetzt tragen sie ihre kleinen Samen.
Diese lassen sich mit Handschuhen und einer Schere relativ einfach ernten, schonend trocknen und als kleinen Vorrat für die kommenden Monate aufbewahren.
Ihre interessante Zusammensetzung mit pflanzlichen Fetten, Linolsäure, Tocopherolen und weiteren Pflanzenstoffen macht die Samen zu einer spannenden heimischen Futterergänzung.
Was wir allerdings nicht tun sollten:
Aus jedem interessanten Inhaltsstoff eine Heilwirkung machen.
Quellen & weiterführende Informationen
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Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA): Monographien zu Brennnesselblatt und Brennnesselkraut. Die Bewertungen beziehen sich auf diese Pflanzenteile und sollten nicht auf die Samen übertragen werden. (European Medicines Agency (EMA)) https://www.ema.europa.eu/de/medicines/herbal/urticae-herba
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Botanischer Garten Berlin: Beschreibung und Bestimmungsmerkmale der Großen Brennnessel. (Botanischer Garten Berlin) https://www.bo.berlin/de/pflanze/grosse-brennessel
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Bundesnaturschutzgesetz, § 39: Regelungen zur Entnahme wildwachsender Pflanzen. (Gesetze im Internet) https://www.gesetze-im-internet.de/bnatschg_2009/__39.html
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Landesbetrieb Forst Brandenburg: Aneignungsrecht im Wald. (Landesbetrieb Forst Brandenburg) https://forst.brandenburg.de/lfb/de/themen/aufgaben-forstbehoerde/betreten-des-waldes/
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Wissenschaftliche Literatur zur Futter- und Nutzungsgeschichte sowie zu Inhaltsstoffen von Urtica dioica. (Frontiers) https://www.frontiersin.org/journals/plant-science/articles/10.3389/fpls.2023.1164363/full
Dieser Beitrag dient der Information über Wildpflanzen und ihre Verwendung als Futterergänzung. Er ersetzt keine tierärztliche Beratung oder Behandlung. Bei Erkrankungen, Medikamentengabe, Trächtigkeit oder Unsicherheit hinsichtlich der individuellen Fütterung sollte vor der Verwendung Rücksprache mit einer Tierärztin oder einem Tierarzt gehalten werden
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